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Tibets empfindliches Ökosystem ist seit der chinesischen Besetzung grundlegend gestört. Im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung von Tibet durch China verschwinden die natürlichen Ressourcen in großem Maßstab. Die ökonomische Entwicklung hat keinerlei nachhaltigen Charakter und wird weder im Sinne noch für die Belange der Tibeter und ihre Umwelt ausgeführt. Wissenschaftler glauben, daß die Umweltverschmutzung des tibetischen Plateaus ernsthafte Folgen für das regionale und globale Klima haben wird.


Landwirtschaft und Forstwesen


Die ursprünglichen tibetischen Anbaumethoden, so wie man sie bis in die 50er Jahre hinein betrieb, waren sehr gut an die empfindliche Berglandschaft angepaßt. Eine zahlenmäßig kleine Bevölkerung lebte von der Yakzucht und dem Gersteanbau. Felder ließ man lange Zeit brach liegen, Erosion wurde so verhindert. Seit der chinesischen Besetzung hat sich die Landbewirtschaftung grundlegend geändert. Zur Zeit der Kulturrevolution wurden 80% des bebaubaren Landes für den Anbau von Weizen umgepflügt, eine Getreidesorte, die die Chinesen bevorzugen gegenüber der Gerste, und für deren Anbau chemischer Kunstdünger notwendig ist. Mißernten sowie der Export von Getreide und Fleisch nach China führten in den 60er Jahren zu großen Hungersnöten.

Die Umsiedlung vieler Chinesen nach Tibet verursachte großen Druck auf die natürlichen Ressourcen des Landes. Viele Tibeter wurden in die westlich gelegenen, unfruchtbaren Gebiete verdrängt. Der schnelle Bevölkerungszuwachs sorgte ebenfalls für eine Zunahme der Landbewirtschaftung, vor allem an steilen Hängen, die an Wäldwr grenzen.

Gleichzeitig nahm die kultivierte Fläche pro Kopf der Bevölkerung ab. Durch die große Nachfrage nach Weizen wurde ein System der verpflichtenden Getreideablieferungen in Tibet eingeführt. Durch den Bau neuer Straßen, die neue Märkte erreichbar machten, und der Einführung der Marktökonomie war der agrarische Ertrag in 1984 3- bis 4-mal so hoch wie 1959. Der Yakbestand hat enorm zugenommen. Viele Weidefläche sind überweidet (in 1986 17 %) oder mittlerweile fast kahlgefressen. Unterernährung und hohe Sterblichkeit der Tiere sind die Folgen. Im Winter 1996 sind bei extremer Kälte in Amdo und im Norden von Kham Großteile der Yakbestände verendet. Viele Nomaden verloren so ihre Einkommensquelle.

In den 50er Jahren, nach der Annexion von Tibet, begann China mit der Rodung von Wäldern, vornehmlich in den bewaldeten Gebieten von Kham in Ost-Tibet. In diesen Wäldern wird in großem Maßstab gerodet, sie sind mittlerweile eine der wichtigsten Forstwirtschaftsgebiete Chinas. Es wird geschätzt, daß Tibets Landflächen 1950 mit 9 % bewaldet waren, was sich 1985 auf 5 % vermindert hat. In Kham verschwanden in der Periode von 1950 - 1985 40 % der Waldflächen, das ist ein Sinken von 30 % auf 18 %. In U-Tsang und Amdo verringerten sich die bewaldeten Flächen um die Hälfte. Insgesamt soll es heute in der Autonomen Region Tibet (ART) 7,2 Millionen Hektar Wald geben.

Für die Rodungen von Bedeutung ist die Erreichbarkeit der Wälder. Deshalb legten die Chinesen in Tibet immer mehr Straßen an. 1985 waren 15 % der Wälder von U-Tsang und 50 - 70 % der Wälder von Kham über Straßen erreichbar. Nicht nur Straßen, sondern auch Flüsse wurden für den in großem Maßstab angelegten Abtransport von Holz benutzt.

Obgleich die Nachfrage nach Holz innerhalb Chinas nicht gedeckt werden kann, hat China 1990 dennoch angekündigt, den Holzimport um ca. 40 % zu reduzieren. Das bedeutet eine noch größere Belastung der verbliebenen tibetischen Wälder. Offiziell verspricht die chinesische Führung, die Waldflächen in Stand zu halten. So wurde 1996 ein ambitionierter Plan anggekündigt, 200.000 Hektar Land wieder aufzuforsten. Ob dieser Plan greift, ist vorläufig unklar, bis jetzt jedoch ist noch nicht viel von Wiederaufforstung zu sehen. Nur 10 - 15 % des vernichteten Waldes wird erfolgreich wiederbepflanzt, wodurch China pro Jahr 2,5 Mio. Hektar Wald verliert.
In Tibet ist bedingt durch seine extremen Temperaturen, schweren, unregelmäßigen Regenfälle und seine steilen Berghänge die Wiederaufforstung ausgesprochen schwierig. Trotzdem betreibt man keinen selektiven Holzeinschlag, sondern es werden ganze Berghänge kahlgerodet. Die ausgewachsenen Bäume transportiert man ab, der Rest bleibt liegen und verrottet.

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Tierwelt


Bis Ende der 40er Jahre gab es in Tibet noch große Bestände wilder Yaks, Antilopen,
Moschushirsche, Kyangs, weißer Fasane, Adler, Brahmanenten und Kraniche. Gleichzeitig lebten dort Braunbären, Wölfe, .Luchse und Schneeleoparden. Viele Arten sind jetzt vom Aussterben bedroht, was eine Folge des übermäßigen Bevölkerungswachstums, des Rückgangs der Wälder und der vermehrten Jagd auf diese Wildtiere ist. Der Bevölkerungszuwachs hat zu einem zunehmenden Druck auf das Weideland in Tibet geführt. Waldrodungen beeinträchtigten Flußtäler und verursachen Bodenerosion und Versalzen des Wassers. Viele bedrohte Arten werden gejagt, um den chinesischen pharmazeutischen Markt mit traditioneller Medizin zu versorgen. Ebenso besteht in China eine große Nachfrage nach den Fellen des seltenen Schneeleoparden. Dies alles geschieht, obwohl China das Washingtoner Artenschutz- Abkommen, das den Handel mit bedrohten Tierarten verbietet, unterzeichnet hat. Von den 695 Tierarten in Tibet werden offiziell 141 geschützt. Viele der Tierarten, die es in Tibet gibt, kommen ausschließlich in Tibet und in den angrenzen
den Regionen vor. Das Aussterben dieser Arten ist nicht allein für Tibet ein Verlust, sondern auch für die gesamte globale Artenvielfalt.

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Bergbau


Es wird angenommen, daß sich in Tibet das größte Uranvorkommen der Welt befindet. Darüber hinaus verfügt Tibet über Gold, Kupfer, Zink, Lithium, Borax, Chrom, Eisenerz und andere Mineralien, insgesamt 94 Sorten Bodenschätze. Nach Chinas Angaben von 1995 wird der Wert der tibetischen Bodenschätze auf 650 Milliarden Yuan geschätzt. Der Abbau der Bodenschätze wurde in verstärktem Maße seit den 80er Jahren betrieben und ist die wichtigste Wirtschaftsaktivität für die 90er Jahre. Der Abbau durch 145 Bergbaugesellschaften verursacht Umweltverschmutzungen und sorgt für starken Bevölkerungszuwachs namentlich durch die Ansiedlung von Chinesen. Für den Bergbau werden neue Straßen angelegt und Bäume gefällt, um Häuser zu bauen.
Die Mehrzahl der Minen sind sicherheitstechnisch unzulänglich. Es existieren ausführliche Berichte über Unglücksfälle und gesundheitliche Schäden, die sich aus dem Leben in der Nähe von Uranminen ergeben. So sind beispielsweise innerhalb von 3 Jahren in einem Dorf 35 von 500 Menschen an mysteriösen Krankheiten gestorben. Die Ursache liegt in verseuchtem Wasser.

1995 wurde im Nagchu-Gebiet, 200 Kilometer nördlich von Lhasa, ein neues Goldvorkommen entdeckt. Hier siedelten sich in kürzester Zeit über 10.000 Chinesen an. China hat angekündigt, ein Kupferabbaugebiet in Ost-Tibet zu entwickeln und dafür sollen Siedlungen gebaut werden, in denen sich 500.000 Chinesen niederlassen können.
Bodenerosion und Wasserkraftwerke.

Infolge vieler Waldrodungen und Kultivierungen steiler Berghänge entstehen Bodenerosionen, die ein Ansteigen der Wasserstände der Flüsse verursachen, was wiederum zu Überschwemmungen führt. In Yunnan hat sich die Zahl der Überschwemmungen in den letzten 40 Jahren verdreifacht. In Sichuan sind seit 1950 bereits 5 Überschwemmungskatastrophen mit verheerenden Folgen registriert worden. Man vermutet, daß das Auslaugen der Böden ein starkes Versalzen der Flüsse verursacht.

Die umstrittene Planung einer gigantischen Wasserenergie-Zentrale droht den Yamdrok-Tso-See, einer von Tibets heiligen Seen, auszutrocknen. Im Rahmen des chinesischen Entwicklungsplans für Tibet, dem "Drei-Flüsse-Damm-Projekt" wird diese Zentrale gebaut. Anstelle einer Anzahl kleinerer Anlagen mit weniger eingreifenden Folgen für die Umwelt entschied man sich für den Bau einer einzigen riesigen Zentrale. Sie wird mit der Unterstützung der österreichischen Regierung gebaut. Das Absinken des Wasserstandes in diesem See kann zu klimatischen Veränderungen und der Vernichtung der Ökologie des Sees führen. Es wird befürchtet, daß der See innerhalb von 50 Jahren ausgetrocknet sein wird.

Von Tibets bedeutendster und umweltfreundlichster Energiequelle, nämlich der Sonnenenergie, wird kein Gebrauch gemacht.

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Die nukleare Frage


Obwohl die chinesische Regierung Meldungen über die Lagerung nuklearen Abfalls immer dementiert hat, wurde im Juli 1995 doch eingeräumt, daß man Atommüll am Koko-Nor-Sees in Amdo eingelagert. China hat sich wiederholt bereit erklärt, im Tausch gegen harte Währung für andere Länder atomaren Abfall zu deponieren. Die "China Nuclear Industry Corporation" räumte 1984 verschiedentlich westlichen Ländern vergünstigte Tarife für Nuklearmüll zum Preis von 1.500 US Dollar pro Kilo ein. 1987 wurde Westdeutschland die Übernahme nuklearen Abfalls angeboten. Wegen massiver Proteste konnte man dieses umstrittene Angebot zunächst nicht annehmen. Inzwischen wird aber anderweitiger industrieller Müll aus dem Westen in Tibet gelagert.
In Tibet befinden sich mindestens 3 Stützpunkte mit etlichen Atomwaffen, die eine Reichweite von 7.000 Kilometern haben. In der Nähe nuklear belasteter Gebiete wurden Gefangenenlager gebaut. Es existieren Berichte, daß die Gefangenen radioaktives Eisenerz fördern und Testgebiete betreten müssen, um gefährliche Arbeiten zu verrichten.

In den 60er Jahren baute man in der Nähe des Koko-Nor-Sees in Amdo die sog. "Neunte Akademie". Sie war Chinas wichtigstes Forschungs-, Entwicklungs- und Produktionszentrum für Kernwaffen Diesem gigantischen Baukomplex mußten zahlreiche Bauten und auch Klöster weichen und ganze Bevölkerungsgruppen umgesiedelt werden. Von ihm gingen erhebliche Umweltbelastungen und -verseuchungen aus und die Bewohner der Umgebung müssen mit einem erhöhten Krebserkrankungs-Risiko rechnen. Inzwischen ist die "Neunte Akademie" nach Xihai, der neuen Hauptstadt von Haibei, einer tibetischen autonomen Präfektur in Qinghai, verlegt worden. Mit ihr wurden die nuklearen Aktivitäten dort angesiedelt.

An der tibetischen Grenze bei Lop Nor in Ost- Turkestan (Xinjiang) werden in regelmäßigen Abständen Atomtests durchgeführt. 1995 fanden dort 2 Tests statt. Der Test im Mai 1995 fand 4 Tage nach Chinas Unterzeichnung des Atomwaffen-Sperr-Vertrages, der den Verzicht auf Atomtests einschließt, statt. Auch 1996 hat China mindestens einen Test gestartet und einen weiteren angekündigt, ungeachtet des seit 1992 bestehenden Moratoriums für Atomtests
Internationale Folgen
All die erwähnten Eingriffe in die Umwelt wirken sich nicht nur in Tibet, sondern auch auf alle angrenzenden Ländern aus Eine Reihe der wichtigsten Ströme Asiens entspringen auf dem tibetischen Plateau. Belastungen dieser Flüsse können die Wasserzufuhrvon 30 - 50% der Weltbevölkerung beeinträchtigen. So ist bereits heute die Versalzung des Brahmaputra in Tibet eine der Ursachen für die zahlreichen Überschwemmungskatastrophen in Bangladesh. Die Rolle des tibetischen Plateaus auf das Weltklima wird immer deutlicher. Juli 1994 gab ein chinesischer Wissenschaftler, der mit Untersuchungen des tibetischen Plateaus beschäftigt ist, die Gefahren einer globalen Klimaerwärmung zu. Er nannte die fortwährend kleiner werdenden Gletscher und das von Verwüstung bedrohten Grasland. Die Eingriffe in das tibetischen Plateau können weitreichende Folgen haben nicht nur für Tibet und die umliegenden Länder, sondern auch für die gesamte Welt. Die Wiederherstellung der natürlichen Umwelt in Tibet geht wegen der großen Höhe sehr langsam vor sich und es ist zu befürchten, daß der bereits entstandene Schaden irreparabel ist.

Quellen: Environmenlal Degradalion, 1950-1995, The Exploitation of Tibets Natural Resources, Chinas Nuclear Aclivilies in Tibet, Wildlife and Landuse in Tibel, TSG-UK. 1995, Tibel en de Chinese Kernbewapening, J.Niezing,1994, Cinas Tibet vol.6 no.5, World Tibet News,1995/96. zu Umweltzerstörung
siehe auch: Pema, Jelsun: Zei1 der Drachen,1997, S. 205, S. 218 Wlm van Glnke/-17/06/96.
dt. Übersetzung: Rhonda Strehl 08/97, tibetinfo.de

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