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Eine Geschichte über einen Do-Khyi (falsch als Tibet-Mastiff oder -Dogge bezeichnet) aus den 30er Jahren, erzählt von C. Visser-t`Hoofd. 

Bemerkung des Autors, der sich vorab entschuldigt, zu dieser wunderbaren Geschichte eine Bemerkung abzugeben - aber diese Geschichte ist eben so lang wie erzählenswert. Gerade in diesem hektischen Medium Internet. Eine dieser Beweise für die Beziehung zwischen Mensch und Hund. Wer eine ähnliche Geschichte zu erzählen weiss, nicht so lang wie diese märchen- und zauberhafte, der möge sie hier weitererzählen. Wiewohl diese Geschichte des Niederländers einzigartig bleiben dürfte. Es ist ein Geheimnis des Verständnisses. Der Erzähler schreibt wenig über sich, aber viel über seinen Hund. Also doch auch über sich? Die Macher dieser Homepage gestehen gerne, dass sie von Patialas Geschichte angefressen waren.

Niemand weiss, wo und wann er geboren wurde. Aus den fernen Bergen Tibets war er mit einigen Leidensgenossen in die schwüle Hitze von British-Indien gebracht worden, wo er einen Platz im berühmten Zwinger des Maharadschas von Patiala fand.

Hier trafen wir ihn das erste Mal; der einzige Ruhige, Würdige zwischen den anderen Do-Khyi, die uns kläffend und aggressiv begrüssten. „Ein sehr liebes, vertrauenswürdiges Tier" war das Urteil seines Wächters. Nicht, dass er zu seinem Wächter eine persönliche Bindung hatte. O nein, dieser ruhige, grosse Hund schaute sich ein wenig um, scheinbar unbeeindruckt von seiner Umgebung und der Zukunft, die seiner wartete. Als der Fürst sah, wie meine Frau und ich von diesem prächtigen Tier angezogen wurden, bot er uns ihn als Geschenk an, welches wir mit grosser Dankbarkeit annahmen.
Auch darüber zeigte sich der Do-Khyi vollständig unberührt. Vermutlich hatte er nie ein echtes „Herrchen" gehabt, so ein Herrchen, welches ihn liebte, versorgte, Lieb und Leid mit ihm teilte, und wenn es darauf ankam, eher an den Hund als an sich dachte. In unserem Zimmer im Palast wurde er zum ersten Mal gestreichelt, ohne dass er begriff, was es bedeutete, denn in seiner Heimat werden Hunde nicht gestreichelt. Dort müssen sie ein Haus, ein Zelt oder eine Herde Schafe bewachen und bekamen meistens mit anderen Hunden als Belohnung etwas zu essen vorgeworfen.

Als er dann also eine Hand über seinen Kopf streicheln fühlte, bog er ihn zurück, stand auf, suchte sich einen anderen Platz und hoffte, dass man ihn in Ruhe liess.

Seinen Namen? Gewöhnlich haben Hunde in Tibet keinen Namen. Ein Hund ist ein Hund, mehr nicht. So geschah es, dass, als meine Frau den Maharadscha nach einem Namen für unseren neuen Reisegefährten frug, der Fürst antwortete: „Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich es sehr nett finden, dass er meinen Namen als Erinnerung an mich und mein Land trägt." Von diesem Augenblick an (Anfang 1925) wurde der Hund Patiala genannt.

Unter diesem Namen solle er mit uns in die weite Welt ziehen, in die unbekannten Teile Zentralasiens, nach Chniesisch-Turkistan, Nepal und Sikkim, China, Japan und den Philippinen, Niederländisch-Antillen; nach den Niederlanden, Deutschland, Schweden, Finnland und Norwegen, nach Algier und Ägypten und wo sonst noch auf der Welt.

Patiala gewöhnte sich nur langsam an seine neuen Besitzer. Einmal, in Lahore, kurz nachdem er zu uns kam, riss er sich los und rannte weg. Wohin? Er wusste es selbst nicht. Er wollte wahrscheinlich aus der Hitze Indiens zurück in sein Land. Der Zufall wollte es, dass er direkt in einen Zoo lief. Da fand ich ihn unbeweglich sitzend, ängstlich umher starrend nach den Löwen, den Tigern und den anderen für ihn so wunderlichen Tieren. Als ich dann zu ihm kam, zeigte er sich das erste Mal erfreut, mich zu sehen, das er sich dadurch gegen die ihn umringenden Gefahren beschützt fühlte. Von diesem Moment an waren wir Freunde. Von da an begann für Patiala ein neues Leben.
Er sass zum ersten Mal in einem Auto und wurde reisekrank. Er zog mit und nach Kaschmir, fuhr in einem Boot über das Meer, reiste weiter mit uns über den Himalaya nach Karakorum, in die Fürstentümer von Aunza und Nager. Das waren schwere Tage für Patiala. Lange Tagesmärsche durch Täler und weite Märsche über hohe Pässe mit Eis und Schnee. Da schwomm er und mühte sich durch Flüsse und Bergbäche, kämpfte gegen die Macht des Wassers; da klammerte er, festgebunden an einem Seil, steile Wände entlang, wo er mit seinen Krallen krampfhaft Halt suchte; da zog er tage-, wochenlang über Gletscher und folgte uns wie ein perfekter Alpinist mit äusserster Vorsicht in der Spur, die Franz Lochmatter ins harte Eis schlug. Er erreichte Höhen von 6 000 Metern, wo er einen Sturm über sich ergehen liess. Aber auch bei schärfstem Frost sprang er durch den Neuschnee und frass in seinem Übermut grosse Mengen davon.

Dann lag er nach schwerer Arbeit ruhig vor dem Zelt meiner Frau, scheinbar schlafend, aber in Wirklichkeit äusserst wachsam. Wagte sich einer der Träger zu dicht an das Zelt, erklang seine schwere, tiefe Stimme, meistens jedoch nur einmal. Diese eine Warnung reichte vollkommen.
Langsam wuchs die Anhänglichkeit Patialas an uns, ohne dass dies äusserlich festzustellen war. Patiala hatte in seiner Heimat nie gelernt, Freude oder Leid zu zeigen. Er wusste selbst nicht, was heulen und winseln war, und er kannte kaum das Schwanzwedeln. Er begriff nicht, dass ein Hund, der sich freute, seinen Besitzer ansprang. Er schaute und nur mit seinen schönen, hellen Augen lang und tief an. In diesem Blick konnte er dann all seine Gefühle legen, die wir vollständig begriffen.

Allein einige wenige Male konnte Patiala sich nicht mehr beherrschen und verriet uns etwas von seinem starken Gefühlsleben, welches er gewöhnlich in seinem tiefsten Innersten für sich bewahrte. So mussten wir einmal den breiten, tiefen Shangtal-Fluss überqueren. Dazu benutzten wir ein Kabel, welches beide Ufer miteinander verband. An einem hölzernen Ring hängend wurden wir mit dem Reserveseil über den tobenden, brausenden Fluss gezogen.

Dann kam Patiala an die Reihe. Ohne jeglichen Widerstand, offensichtlich ohne jegliche Furcht, liess er sich in einen Sack binden, wo allein sein wunderschöner Kopf noch herausguckte, und im vollsten Vertrauen auf uns sah er dieser Reise entgegen, die uns selbst in unangenehme Situationen brachte und nicht ungefährlich war. Patiala rührte sich in seinem Sack keinen Millimeter, aber dass er sich über die Gefahr im Klaren war, zeigte sich kurz danach, als meine Frau an dem hölzernen Ring über den Fluss gezogen wurde. Mit seinen scharfen Augen hatte er meine Frau erkannt und beobachtete mit Anspannung jede Bewegung meiner Frau, bis sie endlich das sichere Ufer erreicht hatte. Ausgelassen sprang er an ihr hoch, rannte vier-, fünfmal in rasender Fahrt um seine eigene Achse - so wie wir es nannten - seinen tibetanischen Tanz, der ein so seltener Ausdruck seiner grössten Freude war.

Es waren schwierige Tage für Patiala. Manchmal 16 Stunden pro Tag unterwegs, wobei häufig Höhenunterschiede von 2 000 Meter oder mehr überwunden wurden. So kam er häufig wankend an unserem Zeltplatz an, und fiel wie ein Stein in Schlaf. Nach Abschluss dieser Expedition reiste er wieder mit uns per Auto und Zug durch die Hitze Indiens. Er war gegen den Rat des Maharadschas, der uns darauf hinwies, dass kein Do-Khyi, im trockenen Klima von Tibet geboren, meistens zwischen 3 000 und 4 000 Meter Höhe lebend, das warmfeuchte Klima Indiens vertragen konnte.

Dies war auch der Grund, dass diese Hunde in Europa äusserst selten sind und meistens sehr schnell eingingen, so wie es mit den Hunden aus dem Zwinger Patialas geschah. Der Maharadscha hatte uns darum auch geraten, unseren Freund in den Bergen zurückzulassen. Aber Patiala hatte einen Charakterzug, der andern Hunden völlig fehlte: seine unerschütterliche, unvergleichbare Ruhe! Darauf gründeten wir unser Vertrauen. Und tatsächlich haben wir zahllose Schwierigkeiten damit überwunden.

Die langen Autofahrten waren seine grösste Freude. Dann stand er in einer Ecke des Wagens an die Tür gelehnt, den Kopf etwas nach aussen, und eine seiner Pfoten auf unsern Füssen. Das konnten wir ihm auch nicht mehr abgewöhnen. Es schien ihm ein Gefühl von Sicherheit zu geben. Auf einer solchen Reise entging ihm nichts. Vom Auto aus sah er seine ersten Affen, die ihn in grosse Aufregung versetzten, die ersten Kamele, die ihn wütend machten; auch die ersten Elefanten, die er mit grosser Bewunderung betrachtete und - sogar seinen Schwanz zum Wedeln brachten. Selbst wenn eine solche Fahrt zehn Stunden dauerte, blieb Patiala auf seinem Posten und war bis zur letzten Minute interessiert an allem, was er sah.

Patiala zeigte allerdings auf den Autofahrten eine Eigenart, die uns stark beeindruckte. Im Allgemeinen blieb er gegenüber seinen Artgenossen - mit einer Ausnahme - gleichgültig; wenn nämlich ein Hund es wagte - selbst im Abstand von einigen hundert Metern vor dem Auto den Weg zu überqueren. Dann geriet Patiala so heftig in Rage, dass es unseren grössten Einsatz verlangte, um zu verhindern, dass er aus dem Auto sprang.

Dieselbe Wut überkam ihn auch, wenn ein anderes Tier oder ein Mensch unseren Weg überquerte. In erinnere mich, dass einmal ein grosser Hund mitten auf der Strasse lag, so dass wir beinahe anhalten mussten, Patiala so böse wurde und in die Wagentür biss und deutliche Zeichen seiner Fangzähne hinterliess. Aber wenn der Wagen mit gleichmässiger Fahrt durch die indische Landschaft jagte, der Tacho eine immer grössere Geschwindigkeit anzeigte, drehte Patiala sich mit einem tiefen Seufzer um und schaute direkt in unsere Augen, wobei er nicht den geringsten Zweifel liess, dass er uns nur sagen wollte, wie wunderbar dies alles war.

Auch aus dem Bahnabteil heraus entging ihm nichts. Mit grösster Aufmerksamkeit konnte er, mit seinen Vorderpfoten auf der Fensterbank stehend, während der Fahrt oder bei einem Bahnhofsaufenthalt alles beobachten. Es kam dann vor, dass grosse Menschenmassen in stiller Bewunderung vor unserem Abteil standen und den „Bär" anstarrten, denn ein solches Tier hatten sie in Indien noch nie gesehen. Manchmal fragte ich mich, wer mehr erstaunt über den anderen war: Patiala oder die Menschen.

ei unserer Rückreise 1926 nach Europa machte er seine erste Seereise. Einige Male wurde er seekrank, zeigte sich danach aber wie ein echter Seemann. Er durfte dann auch in unserer Kabine sein, besuchte den Kapitän auf der Brücke und rannte ab und zu über Deck. Er hielt jedoch stets einen gewissen Abstand zur Reling, denn die grosse Wasseroberfläche flösste ihm gehörigen Respekt ein.

Er reiste durch die Niederlande, wo ihn jeder sofort aufgrund der vielen Zeitungsfotos erkannte. Eins ums andere Mal kamen Wildfremde auf uns zu und fragte, ob dies Patiala sei. Die Kinder fragten immer, ob sie ihn streicheln dürften, und ich erinnere mich, dass eines der Mädchen zu seiner Mutter voller Bewunderung rief: „Mutter, schau mal, der Hund hat goldene Pfoten!"

Und Patiala liess alles mit sich geschehen, als ob ihn dies alles nichts anginge. Ab und zu sah er sich fragend zu uns um, als suchte er eine Erklärung für dies grosse Interesse, wovon er nichts begriff. Anschliessend reiste er durch Deutschland, wo er gleichfalls bewundert wurde. Auf dem Bahnhof Friedrichstrasse wurde er von einem Bahnbeamten wiedererkannt. Mit Sondergenehmigung der schwedischen Regierung durfte Patiala ohne Quarantäne in das Land einreisen. In einer dortigen Zeitschrift erschien ein Portrait von ihm mit dem Titel „Seine Königliche Hoheit Patiala".

Darin wurde berichtet, dass er, der mit Ausnahme der Bergflüsse Zentralasiens mit keinem Mittel in Wasser zu bekommen war, den Todesschrei eines kleinen, ertrinkenden Hundes hörte. Ohne dass ihm jemand dazu den Befehl gab, sprang er ohne zu zögern ins Wasser und brachte den Hund sicher ans Ufer.

1928 flogen wir von Schweden nach Finnland, wo er der allererste Hundepassagier war, und sie nicht wussten, was man dafür berechnen müsste. Am Ende reist er mit einer Kinderkarte. Ob Patiala erstaunt war? Nicht im mindesten. Auch hier schaute er mit grossem Interesse auf das Land, welches unter ihm verschwand. Von Finnland aus ging es nach Deutschland. In Stettin las ich in der Zeitung, dass Patialas Patenonkel in Berlin logierte, wo wir ihn besuchten. Ich höre noch heute den erstaunten Ausruf des Maharadschas: „Patiala!"

Die Reise von Berlin nach Holland begann mit Schwierigkeiten. Meistens reise er - wenn wir einen Bediensteten bei uns hatten - dritter Klasse, und ansonsten wurde gestattet, dass er an einer Leine angebunden im Gepäckwagen mitreiste. Auf dieser Fahrt sollte er jedoch in einen Käfig. Aber wie? Acht Beamte schienen nicht die Kraft zu haben, ihn in den Käfig zu bringen, so dass man, um einen weiteren Zugaufenthalt zu vermeiden, ihn im Gepäckwagen festband, und ich in den Schlafwagen zurückkehren konnte.

Eine halbe Stunde später erschien der erst so unerschütterliche deutsche Beamte an unserer Tür - mit Patiala. „Der Hund starrte mich mit seinen fragenden Augen so an, dass ich ihm nicht mehr widerstehen konnte. Nehmen Sie ihn lieber mal zu sich."

Es war 1929, als wir nach Britisch-Indien zu unserer dritten Karakorum-Expedition aufbrachen. Das Interesse an Patiala wurde stets grösser. Sein Bild erschien in den Tageszeitungen als „Patiala, der berühmte Karakorumhund", ab und zu mit dem Hinweis „und Herr und Frau Visser im Hintergrund". Bei einem der indischen Fürsten, wo wir zu Gast waren, bekam Patiala sogar eine Schildwache zu seinem Schutz. Das war gut gemeint, aber als Patiala plötzlich ein paar Pfauen sah, die seiner Ansicht nach zu nah an ihm vorbeiliefen, zeigte er mit seinem weitklingenden Gebell sein Missvergügen - worauf der Soldat sein Gewehr fallen liess und wegrannte.

Eineinhalb Jahre zog Patiala mit uns durch unbekannte Teile Zentralasiens, und von dort nach Chinesisch-Turkistan. Hier wanderte er wieder über schmale Balken, gefährlichem Untergrund; über Berge in Höhen von 5 000 Meter, wo Schneestürme sein Fell weiss puderten. Nach Temperaturen von 44 Grad in Indien trotzte er hier dem Frost. Mit Wohlbehagen streckte er sich vor dem Zelt meiner Frau im Schnee aus. Er genoss!

Und doch konnte er seinem Unmut deutlich Ausdruck geben. Ein Dorfoberhaupt in Ladaker hatte uns gegenüber seine Pflichten vernachlässigt, worauf ich ihn ausschimpfte und unsere Meinung zum Ausdruck brachte. Als diese Autorität am folgenden Tag in unser Lager kam, wo stets viele Menschen ein und aus gingen, tat Patiala etwas, was er noch nie in seinem Leben getan hatte. Bevor ich es verhindern konnte, hatte er den Bürgermeister gepackt, worauf ich ein fürchterliches Gebrüll hörte.

Der Bürgermeister rannte weg, so wie er wohl noch nie in seinem Leben gerannt war. Patiala blieb totenstill stehen, mit einem grossen Stück von eines Mannes unentbehrlichem Kleidungsstück in seinem Maul. Dann kehrte er mit einem tiefen Seufzen zu uns zurück.

Auf dieser Expedition lernte Patiala auch echte Entbehrung kennen. Tagelang zogen wir, geplagt durch Schneestürme und strenge Kälte, anfangs 1930 durch das unwirtliche Land nördlich von Karakorum. Die Lebensmittel waren soweit aufgebraucht, dass wir rationieren mussten. Wenn Patiala nach einem schweren Tag seinen Hunger mit einem alten Brot stillen musste, dann guckte er uns durchdringend an, bis er begriff, dass auch seine Besitzer nicht mehr hatten.

Mit einem Seufzer rollte er sich dann zusammen und schlief seinen Hunger weg, wobei er dann häufiger laut träumte. Vielleicht von Leber und Pfannkuchen, seine beiden Lieblingsgerichte.

Nach unserer Expedition reisten wir Ende 1930 als Gast der Java-Bengalen nach Sumatra, Java und Bali mit einem speziellen Ausweis, der uns durch Sondergenehmigung des Gouverneurs ausgestellt wurde, wodurch ihm Zugang zu Gebieten möglich war, die für seine Artgenossen hermetisch abgeschlossen sind.

Patiala wurde mehr und mehr geehrt. Er bekam Blumen, Würste, Briefe und Telegramme! Es war eine herrliche Zeit für Patiala. Er sah unzählbare Affen, Schweine und was noch alles. Aber das Allerschönste und Interessanteste fand er in einem Affen in Sumatra, der an ein Tau gebunden, für seinen Meister Kokosnüsse von den Bäumen holte. Patiala keuchte, trippelte mit seinen Vorderfüssen vor Aufregung. Er folgte jeder Bewegung des Affen mit gespannter Aufmerksamkeit, bis die Kokosnuss dann plötzlich fiel. Dann drehte er sich zu uns um, ob wir denn auch gesehen hatten.

Aber auch Patiala wurde gebührend bewundert. Die Dorfbewohner kamen alle, um diesen merkwürdigen „Bären" zu bestaunen. Als Patiala einige Stunden danach als Gast der königlichen Transportgesellschaft das Schiff nach Java betrat, zog er mich mit aller Kraft zum Masten und schaute nach oben, wo er den Affen und die Kokusnüsse vermutete.

Patiala wurde in dieser Zeit sehr verwöhnt. In den bekannten Hotel „Des Indes" in Batavia wurde er als Gast wie jeder andere behandelt und bekam seine Mahlzeiten in einer Hors d`oeuvre-Schale, wobei in jeden Fach etwas anderes lag. Abends hatte ich meine Lesungen an verschiedenen Orten in Java. Patiala blieb dann ruhig Im Haus unserer Gastgeber. Aber an einem der Orte war das Interesse für ihn so gross, dass der Hausherr, bei dem wir wohnten, während der Pause ohne mein Wissen nach Hause lief, und als ich wieder beginnen wollte, betrat Patiala das Podium.

Ich wage zu bezweifeln, dass jemals ein Hund mit solchen Ovationen empfangen wurde, wie in diesem Fall Patiala. In Bali, wo keine fremden Hunde erlaubt sind, wurde Patiala als „etranger de distinction" zugelassen. Die Bevölkerung, die in Trauben unser Auto umringten, zeigten grösste Verehrung für ihn. Und immer weiter ging die Reise. Nach Hongkong, Shanghai, Peking, Japan und den Philippinen.

In Japan wurde ihm als besondere Gunst gestattet, mit uns in der ersten Klasse zu reisen. In Manila besuchten wir ein Gefängnis, das dort nach amerikanischem Vorbild geführt wurde. Auch dorthin kam Patiala mit. Die vielen hundert Gefangenen, unter ihnen viele Lebenslängliche in grossen Sälen arbeitend, schauten voller Bewunderung nach dem ungewohnten Besucher.

Einige durften unter Aufsicht im Innenhof spazierengehen. Es war einer der Männer, der es wagte, den Wächter zu fragen, ob er Patiala nicht einmal streicheln dürfte. Der Direktor, der uns rundleitete, frug nach dem Benehmen des Mannes. Als die Antwort günstig ausfiel, durfte er Patiala streicheln, und auf sein Bitten hin wurde ihm erlaubt, Patiala an der Leine herumzuführen. Dann frugen natürlich mehr Männer um dieses Privileg und die, dessen Benehmen einwandfrei war, wurde auch die Genehmigung erteilt. So ging Patiala alle drei Minuten von Hand zu Hand.

Wie es kam, weiss ich nicht, aber diese einfache Szene wirkte rührend. Patiala wohlwissend, dass wir ihn nicht zurücklassen würden, lief mit den schweigenden Männern fröhlich mit; den Schwanz hoch aufgestellt. Als Patiala etwas später durch die schweren Eisentüren verschwand, schaute ihm eine kleine Schar unbeweglich nach.

Anfangs 1931 folgte die Rückreise nach Europa mit der Chr. Hoygens. Patiala spielte ab und zu mit den Kindern auf dem Spieldeck. In den Niederlanden wurde er mit Ehrungen überhäuft, was sich in allen möglichen Geschenken äusserte, unter anderem auch ein silberner Becher. Aber meistens waren es doch Würste!

Einmal kam mit der Post eine Wurst aus Achterhoek in Gelderland. Als Adresse war lediglich angegeben: Patiala, Den Haag. Die Wurst erreichte und ohne jede Verzögerung im Hotel Paulez.

Ende 1931 sassen wir wiederum im Boot nach Britisch-Indien. Patiala wohnte mit uns in Kalkutta und Simba und wurde stets populärer. Er besuchte mit uns verschiedene Maharadschas, und auch das für Europäer im Prinzip hermetisch abgeriegelte Nepal. Als wir dort bei dem Palast von einer militärischen Ehrenwache empfangen wurden, sass Patiala mit einer Würde in unserem Auto, dass ich mich fragte, wem die Ehrenbezeugung eigentlich galt, uns oder Patiala.

Diesen Sommer wurde Patiala erstmals ernsthaft krank. Aber seine kräftige Natur und grosse Ruhe halfen ihm über die Krankheit hinweg. Keine Klagen waren zu hören, obwohl er grosse Schmerzen gehabt haben muss. Schon am zweiten Tag begriff er, was er tun musste, um das Einnehmen der Medizin zu vereinfachen. Zum ersten Mal liess er sein Essen stehen. Sonst genoss er sein Essen auf eine besondere Weise.

So ausgehungert er auch war, blieb er bis zum Verschwinden des Bediensteten, der das Essen brachte, unbeweglich liegen. Dann ging er ruhig zu seiner Fressschüssel, liess sich so nach unten rutschen, dass die Schüssel zwischen seinen Vorderpfoten stand und begann sein Essen, liegend, sehr langsam Stück für Stück aufzufressen. Kleckerte er, dann wurde erst sorgfältig aufgefressen, um anschliessend mit der Mahlzeit fortzufahren. Zwischendurch hob er seinen Kopf und schaute uns an, wie herrlich er das Essen fand.

Niemals hat er auch nur das kleinste Geräusch von sich gegeben, wenn wir ihn im Haus zurückliessen. Nur durch Zufall kamen wir dahinter, dass er während unserer Abwesenheit nicht schlief, sondern ruhig mit offenen Augen stundenlang auf uns wartete. Ein ums andermal wurde uns deutlich, dass Patiala all seine Gefühle, alle Eindrücke, die ihm das Leben brachte, still in seiner einfachen Hundeseele verarbeitete.

In Schweden zum Beispiel mussten wir ihn für einige Zeit bei Freunden zurücklassen. Patiala zeigte sich während seines Transportes in das Haus völlig unbewegt. Als wird jedoch anriefen, wurden wir mit dem Vorwurf empfangen, warum wir sie nicht gewarnt hätten, dass der Hund krank sei. Diese „Krankheit" wiederholte sich jedesmal auf dieselbe Weise, wenn er uns die Koffer packen sah und wir ihn für einige Tage zurückliessen.

Herbst 1933, die Reise nach Niederländisch-Indien stand bevor. Patiala war wieder völlig genesen. Eine eigene, kurze Krankheit war der Grund, dass ich Urlaub nahm. Eine Woche konnten wir uns freimachen. In dieser Woche wollten wir die Berge sehen, Bergluft einatmen und den eisigen Wind um unsere Ohren spüren. Patiala kam natürlich mit.

Wir rechneten uns aus, dass wir wenigstens einen Augenblick auf einem Himalaya-Pass stehen könnten, einem hohen Schneepass, das hiess, wenn es möglich wäre, die letzten hundert Kilometer vom Kulu-Tal mit einem schnellen Auto zurückzulegen. Wir hörten aber, dass der Weg schmal war und man überall mit langem Aufenthalt rechnen musste. Aber in Britisch-Indien ist möglich, was woanders unmöglich ist.

Der Fürst, in dessen Land das Tal lag, war unser Gastherr und verwöhnte uns mit einer aussergewöhnlichen Gastfreundschaft. Als er vorn unseren Plänen hörte, befahl er einfach, den gesamten Verkehr längs unseres Weges anzuhalten. Unmittelbar wurde dieser Befehl an die Polizei durchgegeben, so dass unser Wagen ohne einen einzigen Aufenthalt durchfahren konnte. Doch empfand ich Mitleid mit all den Autobussen und anderen Fahrzeugen, die in allen Dörfern in mehr oder minder grosser Anzahl warteten, bis wir vorbeigesaust waren.

Vom Ende des Tales aus erklommen wir am nächsten Morgen während eines Sturmes einen 4 000 Meter hohen Pass, der vollständig unter dem Schnee begraben war. Wir konnten uns nur mit grosser Anstrengung aufrecht halten. Der Wind pfiff und bliess und es fror, dass es knirschte. Während wir die unsägliche Aussicht auf die Bergriesen des Himalaya genossen, rollte Patiala im Schnee, grub sich mit seiner Schnauze ein, frass eine grosse Menge Schnee in sich hinein und sprang übermütig umher ... seinen tibetanischen Tanz.

Ich glaube, dass wir diese Reise allein für Patiala unternommen haben, denn er genoss davon, wie er in den vergangenen Jahren noch nie davon genossen hatte. Anschliessend besuchten wir noch seinen Patenonkel in Indien. Der Maharadscha liess uns mit dem Auto nach Delhi bringen, eine rasende Fahrt wie 1925, als Patiala das erste Mal bei uns war. Und dann passierte etwas Merkwürdiges. Exakt auf derselben Strecke, beinahe an derselben Stelle, wurde Patiala wie bei dem ersten Mal reisekrank, was ihm in den letzten neun Jahren nicht mehr passiert war.

Am 8. Dezember verliessen wir mit dem Boot Kalkutta. Patiala war in der bestmöglichen Verfassung. Aber er erkältete sich. Wie das möglich war, wissen wir nicht. In Rangoon, wo wir im Palast des Gouverneurs wohnten, wurde Patiala hervorragend gepflegt. Die Adjudanten waren für ihn von früh bis spät tätig, man liess den besten Tierarzt kommen und es schien, als ob wir gewonnen hätten. Er wurde per Auto vorsichtig an Bord gebracht. Aber die erwartete Besserung trat nicht ein.

Er hatte eine Darmentzündung und bekam dazu noch eine Lungenentzündung. An Bord tat man, was nur menschenmöglich war. Die zwei Tage vor Belawan, in Sumatra, kamen meine Frau und ich nicht zum Schlafen. Zusammen mit dem Bootsmann, der Tag und Nacht bereitstand, trugen wir Patiala ab und zu nach draussen, denn mit seiner angeborenen Sauberkeit war er nicht bereit, in die Kajüte zu machen.

Keine einzige Klage war von ihm zu hören. Nur in der letzten, unruhigen Nacht schaut er uns lange direkt in die Augen.

An einem diesigen Morgen in der Nähe von Belawan, als das erste fahle Licht über der See und die Küste Sumatras schien, fühlte ich, dass wir Patiala nicht bei uns behalten sollten. Selbst nicht mit dem grossen Einsatz des Tierarztes, den wir telegrafisch aus Medan herbeigeholt hatten. Den prächtigen, glänzenden Kopf in den Händen meiner Frau kam Patiala zur Ruhe.

Nun war alles gut ...

Eine unsagbare Leere legte sich über uns. Neun Jahre sind wir beinahe ununterbrochen zusammengewesen und haben Freud und Leid geteilt. Neun Jahre schenkte er uns alles, was er uns in seiner unwankelbaren Treue schenken konnte: uneigennützig, ohne auch nur einen bösen Zug. Wir klein auch immer, gezeigt zu haben, dankbar für alles, was wir für ihn taten.

Schnell war sein Tod in den Medien bekannt. Bürokratische Schwierigkeiten, Patiala von Bord zu bringen, wurden mit einer seltsamen Geschwindigkeit gelöst, jeder, vom höchsten bis zum niedrigsten Rang, half mit. Selbst nach seinem Tod wurde Patiala mit der Besonderheit behandelt, die ihm in den letzten Jahren zuteil wurde, denn der Gouverneur von Sumatras Ostküste, van Suchtelen, bot uns den schönsten Park an, um Patiala zu begraben.

Wir sind dem Gouverneur hierfür sehr dankbar. So machte Patiala seine letzte Autoreise nach Medan. Unter einem prächtigen Mangobaum liegt sein Grab, worauf eine, uns damals noch unbekannte Dame Orchideen bringen liess.

Durch die Gesellschaft Niederlande, womit Patiala die meisten Reisen gemacht hatte, soll auf der Stelle, wo er begraben liegt, in unserem Namen ein einfacher Stein gesetzt werden.

Ende

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